Oberfranken

Sanspareil – der Felsengarten

Wer herausfindet, wie Erziehung funktioniert und wie sich Kinder und andere Haustiere in zivilisierte und sozial verträgliche Geschöpfe verwandeln lassen, der bekommt anschließend dafür den Nobelpreis. Denn wie Erziehung funktioniert, das weiß niemand so genau, auch die allwissenden Lehrer nicht und schon gar nicht, welches Knöpfchen zu drücken sei, damit ein bestimmtes Ergebnis herauskommt.

Trotzdem haben immer wieder Menschen Bücher geschrieben, welche erziehend auf die Leser wirken sollten, deren Titel bis heute bekannt sind, auch wenn sie von den wenigsten Menschen wohl wirklich gelesen wurden. „Emile“ von Rousseau gehört ebenso dazu, wie das Buch von Neill über die Summerhill School, welches zum Synonym einer ganz bestimmten Art von Erziehung und einer ganzen Generation wurde.

Die Abenteuer von Telemach, der seinen Vater Odysseus suchte, geschrieben von Fénelon, war zu seiner Zeit ebenfalls ein Bestseller und allen gut bekannt. Die Schwester von Friedrich dem Großen, Prinzessin Wilhelmine war preußische Prinzessin und Markgräfin von Bayreuth. Etwa 40 Kilometer westlich von Bayreuth gab sie in der Schloss- und Parkanlage Sanspareil diesem Erziehungsroman Raum und schuf die Orte nach, an denen Telemach seine Unterweisungen empfing. Hier sieht Oberfranken aus wie eine dörfliche Landschaft aus dem Bilderbuch: sanfte Hügel, ab und an ein kleines Dorf und am Bach klappert eine Mühle. Der Ort Sanspareil wird von der Burg Zwernitz überragt – die leider bereits geschlossen war, wie in jedem Jahr von Ende Oktober bis April, wie der Morgenländische Bau ebenfalls.

Felsen bilden schmale Gänge

Felsen bilden schmale Gänge

Wenn auch zur Zeit von Wilhelmine eher strenge Formen und geometrisch geschnittene Hecken den barocken Gartenbau bestimmten, durfte die fränkische Natur eine willkommene Kulisse bieten. Bizarre Felsen, wie sie im fränkischen Jura gerne vorkommen, wurden in den Garten einbezogen und gekrönt von kleinen Bauten. Leider blieb von diesen kaum noch etwas erhalten, sie fielen entweder Unwettern zum Opfer oder wurden abgerissen und das Material an anderer Stelle neu verbaut. Schilder weisen aber noch auf die Stellen hin, welche sich im Felsengarten befinden und gleichsam die Kulisse zu den Orten bildeten, an denen Telemach nach seinem Vater Odysseus suchte, begleitet von seinem Mentor, einem alten Mann, in den sich die Göttin Athene verwandelt hatte.

Das Theater im Felsengarten

Das Theater im Felsengarten

Telemach landet auf einer griechischen Insel, auf der auch sein Vater bereits sieben Jahre verbracht hatte. Die Nymphe Kalypso gewährt ihm Gastfreundschaft und verliebt sich in Telemach ebenso, wie vorher in Odysseus. In diesem Roman wird das Idealbild eines weisen Königs beschworen – der preußische Kronprinz Friedrich schwärmte ebenso für dieses Buch, wie seine Schwester. Wilhelmine ließ den fränkischen Buchenhain zur Insel Ogygia werden: Das literarische Programm lässt sich bis heute lesen. Diesbezüglich war Wilhelmine ihrer Zeit voraus, denn auch die Burg Zwernitz wurde in das Gesamtbild einbezogen, die mittelalterlichen Ruinen als extra geschaffene Architektur im Park gab es erst später.
An diesem Tag war es – entgegen der sonnigen Vorhersage – regnerisch. Doch die leise rieselnden Tropfen gaben der romantischen Anlage einen wehmütigen Anstrich. Schilder an Felsen, Nischen und Aussichtspunkten erläutern das, was moderne Spaziergänger nicht mehr sehen können, weil ihnen der Hintergrund des Romans fehlt.

Einst war hier schöne Aussicht

Einst war hier schöne Aussicht

Auch der Ausblick, Belvedere, bot nur trübe Sicht auf vergangene fruchtbare Zeiten: Trist und braun lag der abgeerntete Acker. Im ehemaligen Küchenbau ist ein kleines Cafe, welches noch geöffnet hat – aber nur an sonnigen Sonntagen. Weil demnächst darin die Toiletten erneuert werden sollen, wird es wohl mindestens den Winter über geschlossen bleiben.

Unweit von Sanspareil beginnt der Rundweg durch das Wacholdertal: Auch hier hingen die Zweige tief, beschwert mit Wassertropfen. Wacholder und Wacholderheide sind ein Relikt aus der Zeit, als noch Schafherden über die Hügel zogen und die Wiesen an den Hängen kurz knabberten. Der Wacholder schmeckte den Schafen nicht: Deswegen blieb er stehen. Zwar ist das Tal nicht allzu lang, doch der Weg war herbstlich gefärbt. Nur Heide gab es nicht zu sehen.

Herbstimpressionen in Sanspareil

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Link für weitere Informationen zum Felsengarten Sanspareil. Bitte hier klicken.

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